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Weihnachten, ein hormonal gesteuerter Wirkvorgang

Von: Prof. Dr. Walter Weber, Zoologisches Institut der Universität, II. Lehrstuhl, Tierphysiologie, Weyertal 119, 5000 Köln 41., aus: Naturwissenschaftliche Rundschau - 39. Jahrg. - Heft 4 1986 - S. 165 ff

Keine Begebenheit im Festkalender des christlichen Abendlandes übt eine derart tiefgreifende Wirkung auf das Verhalten und die zwischenmenschlichen Beziehungen aus wie jenes am Jahresende regelmäßig stattfindende Ereignis „Weihnachten". Es ist mit diesem Begriff nur unzureichend charakterisiert, da es sich bekanntlich nicht um eine „Nacht", sondern um einen wochenlangen Entwicklungs- und Folgeprozess handelt.

Die außergewöhnliche Bedeutung des Weihnachtsfestes für unser Bewusstsein demonstriert die Wortschöpfung vom „Gefühl wie Weihnachten". Für andere festliche Anlässe wie Ostern, Pfingsten, Hochzeits- oder Geburtstag hat unsere Sprache bekanntlich kein Äquivalent.

Es kommt noch hinzu, dass alle durch Extremsituationen bedingten Versuche, das Ereignis außerhalb des gewohnten zeitlichen Rahmens nachzuholen, zum Beispiel nach langer schwerer Krankheit, oder es aus dem adäquaten räumlichen Milieu zu verlagern, sei es als Astronaut [1] oder als Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel [2], völlig wirkungslos bleiben. Daraus müssen wir den Schluss ziehen, dass das angesprochene Phänomen auf einen jahreszyklisch bestimmten Zeitpunkt fixiert ist.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht ergibt sich hieraus die hochinteressante Frage nach der Funktionsweise dieser „inneren Uhr" und ihrer möglichen Steuerung durch Umweltsignale. In jahre-langen Experimenten sind wir dieser Frage nachgegangen, jedoch ist dies nicht der Ort und die Stunde ausführlicher Methodendarstellung. Vielmehr will ich mich hier mit der Darstellung einer Arbeitshypothese begnügen, welche das komplexe sozio-kulturelle Phänomen der Vorbereitung des Weihnachtsfestes und seines psycho-physischen Ablaufs erhellt. 

Ich behaupte: 

Es handelt sich hierbei um einen hormonal gesteuerten Wirkvorgang auf der Grundlage der hypothalamo-hypophysären Achse unter Einbeziehung höherer Zentren unseres Gehirns.

 

 Dabei setze ich zwei wissenschaftlich begründete Tatsachen voraus:

1.        Unsere Sinnesempfindungen, unsere Gefühle und Gedanken sind an die Aktivität von Nervenzellen gebunden [3].

2.        Bei der Steuerung körperlicher und seelischer Ver­haltensweisen spielen Hormone eine maßgebliche Rolle [4].

 

Der zeitliche Ablauf des hier angesprochenen Phänomens lässt sich in drei Abschnitte gliedern:

a) Die Sensibilisierungsphase

b) Die hormonale Aktivierung und Rückkopplung

c) Die Klimaxphase

 Die erste Phase der Sensibilisierung vollzieht sich an einer Gruppe von Nervenzellen im lateralen Hypothalamus, die in ihrer Gesamtheit als „Christmas vivifying Centre“ (CvC) = Weihnacht-Belebungszentrum bezeichnet werden. Der Zeitpunkt der Sensibilisierung hat sich im Verlauf der vergangenen 10 Jahre langsam aber kontinuierlich von der Adventszeit in den frühen November verlagert. Eine Trendwende ist zur Zeit nicht erkennbar. Auslösende Faktoren für die Sensibilisierung sind zunächst noch spärlich auftretende weihnachtsspezifische optische Signale aus der Umwelt, zum Beispiel Tannenzweige mit Kugeln und Kerzen (Abb.). Sie setzen das Christmas vivifying Centre derart in Erregung, dass bei den Betroffenen der zunächst noch undifferenzierte Erinnerungsinhalt „Es ist mal wieder soweit" aus der Tiefe des Bewusstseins (Thalamus, limbische und corticale Areale) emporgehoben wird. In rascher Folge werden dann unsere Sinnesorgane neben optischen auch von weihnachtlichakustischen und olfaktorischen Schlüsselreizen überschwemmt. Ihre besondere Mischung und ihre „Bekanntheitsqualität" verdichtet sich nunmehr zu der konkreten Vorstellung „Es weihnachtet" und leitet über zum

zweiten Abschnitt, der hormonalen Aktivierung.

Mit dem Erreichen einer individuell unterschiedlichen Erregungsschwelle werden jetzt in den Nervenzellen des CvC Neurohormone, sogenannten Christmnas releasing factors (Weihnacht-Freisetzungsfaktoren) (ChRF) gebildet und an das portale System der Hypophyse (p.Sy.) weitergeleitet. Sie setzen dort, wie der Name andeutet, zwei Drüsenhormone frei, die verschiedenartige Verhaltens- und Gefühlsreaktionen im Zusammenhang mit dem Phänomen „Weihnachten" zur Folge haben.

Das erste der beiden Weihnachtshormone führt zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls und beeinflusst elementareVerhaltensstrategien des Gebens und Nehmens unter dem Gesichtspunkt der Gruppen- und Paarbindung. Wir haben es daher Prestigon genannt: Mit zunehmender Konzentration im Blut fördert das Hormon die Kauflust für Konsumgüter aller Art. Unter Normalbedingungen wären diesem Bestreben Grenzen gesetzt durch die Einsicht in die eigenen materiellen Möglichkeiten und Bedürfnisse. An diesem Punkt greift aber das zweite Hormon an: Wir haben ihm den Namen Emotionin gegeben, weil es die subjektiven Empfindungen unserer festlichen Vorfreude stimuliert.

Man sollte meinen, dass diese Gefühlsbetonung unseren traditionellen, teilweise ecclesiogenen Vorstellungen vom Weihnachtsfest entgegenkommt.

Jedoch: Emotionin hat eine fatale Nebenwirkung: Es setzt unsere natürliche Kauf- und Konsum-schwelle für das schönste Fest des Jahres herab und fördert dadurch drastisch den Prestigon-Ausstoß aus der Hypophyse. Nach Art einer positiven Rückkopplung schaukelt sich die Wirkung der beiden Hormone derart auf, dass schließlich eine Enthemmung kognitiver Prozesse der Bewertung, Wahrnehmung und Erwartung eintritt. Darauf hat sich die Umwelt längst vorbereitet: Überall sind sogenannte „Weihnachtsparadiese" entstanden, deren Anreize das Verhalten des kaufsüchtigen, mündigen Konsumenten mehr und mehr bestimmen. Zwischen der Verpflichtung zu einer angemessenen Selbstdarstellung im Gruppenverband und dem hohen Konsumanspruch unserer Gesellschaft wird er durch die hohe hormonale Aktivität rauschhaft fortgerissen. Sie erreicht in der Regel am „Heiligabend" mit der sogenannten Bescherung ihren Höhepunkt. Hierzu findet sich die Gruppe zu einem festlichen, häufig von ritualisierten Gesängen („Kontaktsingen") eingeleiteten Geschenkeaustausch. Begreiflicherweise knüpfen die Gruppenmitglieder unter dem Gesichtspunkt: „Ich schenke Dir, was schenkst Du mir" hieran bestimmte Erwartungen. Der hohe Emotionin-Gehalt im Blut verhindert zunächst, dass aus der Frustration über unerfüllte Wünsche Missklänge entstehen.

Von großer Bedeutung für die bindende Funktion des Festes ist die anschließende gemeinsame Aufnahme von Nahrungs- und Genussmitteln der gehobenen Qualität. Sie unterstreicht, wie der Geschenkeaustausch, den friedlichen Charakter der Begegnung und kann als ein stammes-geschichtlich uraltes Beschwichtigungsritual angesehen werden [5]. Allerdings machen sich mit der Fortdauer des Festes ungünstige Nebenwirkungen bemerkbar, die auf den Überschuss an Prestigon zurückzuführen sind: In der Situation des Überflusses schaltet nämlich das Hormon die normale physiologische Kopplung zwischen Hungergefühl und Sättigung aus. Sattheitssignale werden nicht mehr wahrgenommen. Statt dessen bleibt das Ess- und Trinkverhalten bestimmt durch eine unstillbare Reaktion auf Nahrungsreize für Kulinarisches. 

 Durch die Entgleisung der Regulation und dem daraus entstehenden Missverhältnis zwischen Bedarf und Appetit entwickelt sich langsam und unausweichlich ein beklemmendes Gefühl körperlichen Unwohlseins. Diese deutliche Unstimmung des Bedürfnis-Taumels geht auf die Wirkung sogenannter Beta-Blocker zurück. Sie inaktivieren schlagartig die beiden Weihnachtshormone und führen dadurch innerhalb kürzester Zeit zu einer abrupten Schwächung der „Weihnachtsappetenz". Enttäuschungen über unerfüllte Erwartungen oder unpassende Geschenkideen lassen die gestaute Aggressivität der Gruppenmitglieder explosiv hervortreten. Alte Konflikte vermischen sich mit neuen zu heftigen familiären Auseinandersetzungen. Au-weia, Weihnachten!

Am Ende bleibt die vernünftige Einsicht: „Im nächsten Jahr machen wir alles ganz anders!"

Gut gemeint, ... wenn wir nicht alle Jahre wieder unausweichlich unseren Weihnachtshormonen ausgeliefert wären.

 
LITERATUR
[1]   A. Bärwolf: Brennschluß. Rendezvous mit dem Mond. Ullstein-­Verlag. Frankfurt, Berlin 1969.
[2]   D. Defofe: The life and strange surprising adventures of Robinson Crusoe of York, mariner Hotton London 1869. 
[3]   C. v. Campenhausen: Die Sinne des Menschen.
Thieme Verlag. Stuttgart, New York 1981.
[4]   F. A. Beach: Hormones and behavior. Cooper Square. New York 1961.

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